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Die neuen Eigentümer wollen das Gebäude umbauen. Das Laborfachgeschäft Reinecke in Darmstadt passt nicht mehr ins Konzept der Immobilienfirma.
Darmstadt – Nach mehr als 150 Jahren Firmengeschichte geht in Darmstadt eine Ära zu Ende: Das traditionsreiche Laborfachgeschäft Reinecke am Kantplatz muss seine Türen schließen. Auf der Website teilt Inhaber Dietmar Reinecke mit, dass der Laden nicht länger fortgeführt werden könne – ein Schritt, der nicht nur viele Stammkundinnen und -kunden bewegt. „Es ist verblüffend, wie viele Leute derzeit vorbeikommen, auch wenn sie nichts kaufen wollen, und sagen, dass es ihnen leid tut“, berichtet Mitinhaberin Elisabeth Martin der Frankfurter Rundschau. 2012 hatten sie und ihr Mann das Geschäft von der vorherigen Inhaberin übernommen. Das Geschäft war zwar nie ein Familienunternehmen, es bestand aber in diesen Räumen seit 1875.
Dietmar Reinecke und Elisabeth Martin-Reinecke haben das Geschäft 2012 übernommen. © Michael Schick/Michael Schick
„Wir schließen nicht freiwillig“, betont Martin. Eine Immobilienfirma habe das Gebäude, in dem sie seit Jahrzehnten zur Miete sind, gekauft. Das verwinkelte Haus sei eines der ältesten in Darmstadt, soll aber nun umgebaut werden. „Da herrscht ein neuer Spirit“, sagt Martin. Die neuen Eigentümer wollten rentabler werden, es sei wohl angedacht, etwas mit Gastronomie, Richtung Fast Food, zu machen. Ein Laden für Laborbedarf passe nicht mehr ins Bild. Es habe auch kein Angebot gegeben, für eine höhere Miete bleiben zu können. Also muss eines der letzten Fachgeschäfte für chemische Reagenzien und Laborzubehör in Deutschland weichen.
Räumungsverkauf läuft bereits in Darmstädter Traditionsgeschäft
Der Räumungsverkauf läuft bereits. Präpariernadeln, Skalpelle, Reagenzgläser, Chemikalien, Messzylinder und Messbecher, aber auch Laborgeräte werden zu Rabattpreisen angeboten. Bis Mai hofft das Ehepaar, die „nicht alltägliche Ware“ an die Kundschaft gebracht zu haben. Bis 1. Juli müssten sie draußen sein.
Einen neuen Laden an anderer Stelle wird es wohl nicht mehr geben. Martin hat nur noch zwei Jahre bis zur Rente, wie sie sagt. Aber sie und ihr Mann wollen weiterhin über das Internet als Wiederverkäufer tätig bleiben. Dafür suchen sie jetzt ein Büro im Industriegebiet ihres Wohnorts Bad König (Odenwaldkreis). Von dort wollen sie die Waren dann für ihre Kundschaft beim Großhändler bestellen und weitergeben. Bereits jetzt seien sie als Zwischenhändler aktiv, sagt Martin. Aber obwohl sich seit Jahren vieles ins Internet verlagert habe, habe sie sich immer dagegen gewehrt, das kleine Geschäft aufzugeben.
Räumungsverkauf im Laborfachgeschäft in der Lauteschlägerstraße 1a in Darmstadt. © privat
Zum Kundenstamm gehörten nicht nur Firmen, sondern auch Privatleute, die etwa Zubehör für die Molekularküche kauften. Denn das Kochen mit Reagenzgläsern ist in. Auch wer ein Mikroskop erwerben wollte, tat gut daran, dieses mit Präparaten zunächst einmal im Laden auszuprobieren. Außerdem wurden über 9.000 verschiedene Chemikalien angeboten, die Chemieingenieur Dietmar Reinicke selbst abfüllte.
Studierende seien schon seit längerem nur noch zu Semesterbeginn gekommen, um einen Kittel oder eine Schutzbrille zu kaufen, sagt Martin. Alles andere bestellten sie über das Internet. In der Tat betreibt der Fachbereich Chemie, der in einem Gebäude der Technischen Universität nur wenige Meter entfernt ist, eine Chemikalienausgabe im Gebäude, wie auf der Website der TU zu lesen ist.
Laborzubehör im Räumungsverkauf. © Michael Schick/Michael Schick
Weitere Traditionsgeschäfte in Darmstadt geben auf
Das Laborfachgeschäft Reinecke ist nicht das einzige Traditionsgeschäft in Darmstadt, das in jüngster Zeit aufgeben musste. Im Sommer wird die Bäckerei Breithaupt schließen. Das Unternehmen, seit 1591 in Familienhand, ist als „Nachtbäckerei“ in der Stadt bekannt und gilt als eine der ältesten Bäckereien Deutschlands.
Bereits zugemacht hat Ende 2025 das Strumpfhaus Geppert am Ludwigsplatz nach 76 Jahren. 1991 war es Teil des familiengeführten Fachgeschäfts Satineé Strumpfmoden für Strümpfe, Socken und Beinmode mit Sitz in Fulda geworden, das mehrere Filialen in Deutschland betreibt. Nur der Name erinnerte noch an die Gründerin. Auch Glumann, ein 1956 gegründetes Fachgeschäft für Bademode, Wäsche und Dessous, das über vier Generationen in Familienhand war, schloss im vergangenen Jahr.


